Gänsehaut in der Alten Mälzerei: Alin Coen rührt zu Tränen



Zwischen Gänsehaut und Gelächter: Alin Coen begeistert mit einem ebenso warmherzigen wie nahbaren Konzert in der Alten Mälzerei

(rr) Clubkonzerte haben ihren ganz eigenen Charme. Für Fotografen bedeutet das zwar oft eingeschränkte Bewegungsfreiheit und entsprechend weniger Möglichkeiten für spektakuläre Bilder – die Fotogalerie fällt deshalb dieses Mal etwas kleiner aus. Dafür bekam das Publikum etwas, das große Hallen nur selten bieten können: Nähe. Genau diese familiäre Atmosphäre machte das Konzert von Alin Coen am Samstagabend in der Alten Mälzerei in Regensburg zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Die Mälze war bis auf den letzten Platz gefüllt. Entsprechend tropisch wurde es im Saal – zeitweise fühlte sich der Konzertabend eher nach Sauna als nach Sommer an. Immer wieder öffnete das Veranstalterteam während der Ansagen die Türen, sodass zumindest ein wenig frische Luft ihren Weg ins Publikum fand. Humor bewies dabei auch Alin Coen selbst. Die Temperaturen erinnerten sie an eine Bikram-Yoga-Stunde bei 40 Grad. Damals, erzählte sie schmunzelnd, habe sie gelernt, dass man tatsächlich sogar an den Zehen schwitzen könne.



Diese sympathische Selbstironie zog sich durch den gesamten Abend. Bereits beim zweiten Song versang sich die Sängerin kurz. Statt den kleinen Patzer zu überspielen, musste sie selbst herzlich lachen – und gewann damit das Publikum endgültig für sich. Perfektion schien an diesem Abend ohnehin zweitrangig. Viel wichtiger war die Ehrlichkeit.

Zwischen den Liedern unterhielt Coen ihre Zuhörer mit Geschichten, die sie augenzwinkernd als ihre „Ansagen mit wissenschaftlichem Mehrwert“ ankündigte. So erfuhren die Gäste unter anderem Wissenswertes über die Rotationsgeschwindigkeit der Erde, die Anzahl der Zellen im menschlichen Körper oder auch den praktischen Nutzen des „Schmidternachts Reimlexikons“.



Musikalisch spannte der Abend einen weiten Bogen zwischen leisen, nachdenklichen Momenten und hoffnungsvollen Botschaften. Im Song „Keine Eile“ vermittelte Alin Coen eine einfache, aber kraftvolle Aussage: die Hoffnung niemals aufzugeben.

Besonders bewegend wurde es mit dem Lied „Andere Hände“. Der Song erzählt von vier Briefen, die Mütter an ihre Kinder geschrieben haben, bevor sie diese in eine Babyklappe legten. Im Saal wurde es schlagartig still. Mehrere Besucher wischten sich Tränen aus den Augen – einer jener seltenen Konzertmomente, in denen Musik für einige Minuten alles andere in den Hintergrund rückt.



Auch persönliche Einblicke gab die Sängerin reichlich. Vor ihrer Musikkarriere studierte sie Umweltschutzmanagement und war bereits im Masterstudium, als sie sich entschied, alles auf eine Karte zu setzen und ein Album aufzunehmen. Verantwortlich dafür sei letztlich der Song „Du bist so schön“ gewesen. Passend dazu gab es am Merchandise-Stand sogar eine Kosmetiktasche mit genau diesem Schriftzug. Als das Lied später erklang, sang das Publikum jede Zeile leise und fast ehrfürchtig mit.



Immer wieder ließ Alin Coen ihre Fans an ihrem kreativen Schaffensprozess teilhaben. Für die Texte eines Albums brauche sie im Durchschnitt rund zwei Monate pro Lied. Für „Kapitulation“ allerdings habe sie ganze zwölf Jahre benötigt, bis sich der Text endlich richtig angefühlt habe. Für den Song „Mond und Erde“ habe sie, wie sie lachend erklärte, „in ihrer eigenen Fantasie recherchiert“.

Mit viel Humor sprach sie auch über „Alles was ich hab‘“. Ein Psychologe habe das Lied einmal scherzhaft als ihren „ADHS-Diagnose-Song“ bezeichnet – eine Geschichte, die sie mit einem Augenzwinkern erzählte. Der dazu passende Stoffbeutel am Merchandise-Stand trug folgerichtig denselben Titel „Alles was ich hab‘“.



Eine kleine Verbindung zu Regensburg durfte ebenfalls nicht fehlen. Ein Musiklehrer während ihrer Schulzeit in Hamburg stammte aus der Domstadt – eine Erinnerung, die sie gerne mit dem Publikum teilte.

Begleitet wurde Alin Coen von einer hervorragend eingespielten Band mit Philipp Martin am Bass, Fabian Stevens am Schlagzeug und Jonathan am Keyboard. Ohne sich jemals in den Vordergrund zu spielen, verliehen die drei Musiker den Liedern genau den Raum, den sie brauchten.



Der reguläre Konzertabschluss gehörte „Du bedeutest mir die Welt“. Bereits nach wenigen Takten verwandelte sich die Alte Mälzerei in einen vielstimmigen Chor. Kaum verklungen, war klar: Das Publikum wollte mehr.

Und es bekam mehr. Gleich drei Zugaben hatte Alin Coen vorbereitet. Zunächst „Festhalten“, ein Lied über das Ende einer Beziehung – geschrieben aus der Perspektive ihres Ex-Freundes. Diesen habe sie, erzählte sie lachend, tatsächlich als Ersten angerufen und ihm das fertige Lied am Telefon vorgespielt. Es folgten „Atme ein, atme aus“ sowie schließlich „Das letzte Lied, das ich für dich schreibe“, das ebenfalls zuerst denselben Ex-Freund am Telefon zu hören bekam.



Als das Saallicht schließlich anging, blieb vor allem eines hängen: Alin Coen beeindruckte an diesem Abend nicht mit großen Effekten oder spektakulärer Bühnenshow. Vielmehr waren es ihre Ehrlichkeit, ihr feiner Humor und ihre bemerkenswerte Fähigkeit, persönliche Geschichten in Lieder zu verwandeln, die das Publikum berührten. Genau dafür sind Clubkonzerte da – und genau deshalb wird dieser Abend vielen Besucherinnen und Besuchern noch lange in Erinnerung bleiben.

Fotos des Konzerts finden Sie in unserer Bildergalerie


 
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